Tourist Trophy 2009

Nach drei Jahren Pause ist es endlich wieder soweit: die Equipe37 fährt auf der Isle of Man – the Road Racing Capital of the world – bei der TT mit. Teamchef Axel hat allen Widrigkeiten zum Trotz für die Klassen Superbike und Superstock gemeldet; mit der neuen Yamaha R 1 sind wir gut gerüstet.

Formel-1-mäßige Logistik

Bevor der clerk of the course am Grandstand in der Hauptstadt Douglas unseren Fahrer auf die erste Practice lap schickt, ist allerdings noch einiges zu organisieren. An dem Wochenende, an dem (samstags) die erste Traningseinheit auf der Isle of Man stattfindet, tritt die Equipe37 nämlich bei der German Speedweek in Oschersleben an. Glücklicherweise haben wir dieses Jahr erstmals ein T-Bike und sind besser denn je mit Ersatz- und Sturzteilen ausgestattet! Ganz nebenbei haben wir wegen der kurzfristigen Startzusage der ACU auch nicht unsere traditionelle Unterkunft bekommen und müssen nach der Trainingswoche umziehen und zusätzlich noch die letzte Übernachtung noch organisieren.

Also wird am Freitag der Speedweek nach dem letzten Training das T-Bike vom Langstreckentrimm auf road race umgebaut. Die holländischen Mechaniker David, Laurens und Feiko lassen ihre ganze Kompetenz einfließen und stellen im Verlaufe der Nacht ein Motorrad auf die Beine, das bereits mehr als nur eine „Basisabstimmung“ für die schlechten Inselstraßen aufweist. Am Samstagmorgen wird dann der Teambus gepackt und das Equipe37-Faktotum Smoke macht sich auf die Reise.

Die TT besteht aus einer Traninings- und einer Rennwoche; das macht auch die Organisation des Mechanikerteams etwas schwieriger. Die Planung lautet:

Samstag: Smoke fährt nach Rotterdam zur Fähre nach England
Sonntag: Ankunft in Hull; Transfer nach Heysham; Überfahrt nach Douglas; Einchecken in der Old Lonan Church Farm; Aufbau Team-Pavillon im TT-Paddock
Montag: Eintreffen von Gary „Dazler“ Dalzell aus Belfast per Flieger sowie Fahrer Axel; Abflug von Smoke nach Berlin; erste Practice Session am Abend
Freitag: Eintreffen Nail und Smoke per Flieger; letzte Practice Session
Samstag: Umzug von der Old Lonan Church Farm zur Ballavarteen Farm; Superbike race
Sonntag: Abflug Dazler nach Belfast
Montag: Race Superstock
Dienstag: Ankunft Tati und Emilia; Urlaub …
Samstag: Umzug ins Sulby Glen Hotel (Nail, Smoke); Rückkehr zur Old Lonan Church Farm (Tati, Axel, Emilia)
Sonntag: Überfahrt nach Heysham; Transfer nach Hull; Einchecken für die Fähre nach Rotterdam; Rückflug Axel, Tati und Emilia nach Frankfurt
Montag: Rückfahrt nach Deutschland über Duisburg (Smoke steigt in den ICE nach Berlin um); Ankuft Nail in der Teamzentrale Roßdorf

Das bedeutet zunächst einmal, dass Smoke als Erster in den Genuss des lange vermissten „Isle-of –Man-feelings“ kommen wird. Selbiges stellt sich allerdings erst mit Verzögerung ein, da am Hafen Europoort ein holländischer Zöllner die Papiere für die Rennmaschine sehen will. Solche existieren allerdings nicht, geschweige denn, dass sie griffbereit wären! Einige Diskussionen; kurzer Computer-Check, ob das Motorrad als gestohlen gemeldet ist; dann geht es endlich auf die Fähre.

Equipe37 ist in der Endurance-Szene bekannt für gediegenes Reisen: Innenkabine mit Dusche, Dinner und Frühstück inklusive! Also erst mal frisch gemacht; dann das Buffet gestürmt. Nachdem Smoke seinen edlen Vorspeisenteller gefüllt hat, waren jedenfalls Garnelen alle. Fisch, Chicken Vindaloo, Käse, Salate, Desserts: alles; was das Herz begehrt. Dann mit einem Lager Shandy auf das Freideck, den Sonnenuntergang betrachtet und schließlich in die Koje und von der See und dem Schiffsdiesel in den Schlaf schaukeln lassen. Am nächsten Morgen full english breakfast und einmal quer durch England.

Pünktlich in Heysham angekommen erlebt Smoke eine der Szenen, die die Isle of Man so liebens- und lebenswert machen: die „Ben-my-Chree“ läuft in den Hafen ein und der Gouverneur der Isle of Man fährt (bzw. wird vom Chauffeur gefahren) mit seinem Rolls Royce Phantom (neues Modell) mit „Three legs“-Standarte von der Fähre. Weltwirtschaftskrise auf Manx! Auf der Fähre erst mal das TT-Programm besorgt; ein kleines Nickerchen gehalten und schon ist das Ziel Douglas erreicht. Während auf der Isle of Man grundsätzlich die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, hat sich im Paddock einiges (zum Guten!!!) geändert. Die Zeltplätze sind exzellent organisiert; ohne Paddock-Ausweis hat man allerdings ein Problem, dafür aber keinen Zutritt. Karsten „Schmitti“ Schmidt hilft aus, so dass Smoke erst mal das Zelt aufstellen kann. Selbiges ist allerdings schon ziemlich mitgenommen und für Stürme in der Irischen See eigentlich nicht mehr geeignet. Provisorisch wird alles mit Kabelbindern und Tape fixiert sowie mit Reifen beschwert.

Dann nach Baldrine zur ersten Unterkunft: Ein umgebauter Stall dient als Luxus-Ferienhaus mit angeschlossenem Whirlpool, Billard usw. usw. Nach der äußerst schweißtreibenden Woche in Oschersleben kann auch gleich mal eine Maschine Wäsche gewaschen werden. Der integrierte Trockner läuft „sensorgesteuert“ die ganze Nacht; morgens um 7 sind die Equipe37-Shirts auf M geschrumpft!

Am Montag kommen zunächst Dazler aus Belfast und dann Axel aus Hannover per Flieger an. Dazler erzählt von seinen Laverdas und Huskies, Axel von der Speedweek: nach drei Stürzen von MaTThijs sind alle Kunststoffteile aufgebraucht; auch ein Langstreckentank ist kaputt. Aber es zeigt sich, dass wir genau zur richtigen Zeit unsere Teamausrüstung professionalisiert haben: vor einem Jahr hätten wir das Rennen nicht zu Ende fahren können!

Practice week

Axels erste Practice Session am Montagabend findet bei hervorragenden Wetterbedingungen statt. Trotzdem ist es für Axel ein schwieriger Wiedereinstieg nach drei Jahren Pause auf dem 60 Kilometer langen Mountain Course. Die Strecke hat sich verändert und Axel muss sich den Streckenverlauf im Prinzip wie ein Newcomer von Null an einprägen. Die equipe37 ist dieses Jahr auf einem Reserveplatz und macht sich somit vorerst keinen Stress bezüglich der Qualifikation. Axel nimmt sich vor, die Practice Week ohne größere Experimente bei Setup und Reifenwahl durchzuziehen. Volle Konzentration auf das Verbessern der Streckenkenntnisse ist angesagt.

Das Wetter während der Trainingswoche spielt gut mit. Dazler und Axel nutzen die freie Zeit mit Sonnenbaden auf der Veranda des Cottages. Allerdings sorgen die Scrutineers bei den täglichen technischen Checks unserer R1 dafür, dass es der equipe37 nicht langweilig wird. Als Privatfahrer, noch dazu aus dem Ausland, muss man sich wohl der Willkür der ehrenamtlichen Technik-Kommissare aussetzen. Widerspruch hat keinen Sinn, im schlechtesten Fall sogar die Disqualifikation zur Folge. Somit wird Dazler wider Willen ein guter Kunde beim berüchtigt teuren Renndienst von Ernie Coates.

Für Wirbel und Aufregung bei den Marshals sorgt unsere R1 am Dienstagabend. Nach den ersten beiden Trainingsrunden wird Axel zur Seite genommen und 5 (fünf!!) Scrutineers machen sich am Hinterrad zu schaffen. Ihnen missfällt die Sicherung des Kettenrades mit Kabelbindern an der Felge! Eine in der Endurance-Szene völlig legitime Methode, das Kettenrad vor Herausfallen beim Radwechsel zu sichern. Auf jeden Fall hatten die Kollegen so etwas wohl noch nie gesehen und forderten die equipe37 auf, die Kabelbinder sofort zu entfernen, sonst drohe der Ausschluss. TAS Suzuki wäre mit so einer lächerlichen Begründung ganz sicher nicht behelligt worden.

Aber das tut Axels Spaß auf der Piste keinen Abbruch. Er genießt jede Runde, jede Meile. Wenn auch die Rundenzeiten nicht ganz zufrieden stellen. Der equipe37 Teamchef hat sich fest vorgenommen, nicht am Limit oder sogar darüber hinaus zu fahren. Schließlich hatte er es seiner Frau und Tochter versprochen.

Race week

Am Freitag Abend reisen die Schrauber Nail und Smoke per Flieger aus Deutschland an, um für die Rennen als Pit Crew zur Verfügung zu stehen. Doch sie werden mit zwei Hiobsbotschaften empfangen: Wegen schlechten Wetters ist der Zeitplan geändert, so dass der geplante Superbike-Lauf erst am Mad Sunday stattfinden wird und – viel schlimmer – Axel, der nur als Reservefahrer in das Starterfeld aufgenommen worden war, nicht fahren kann!

Zwar war natürlich allen Beteiligten klar, was es bedeutet, wenn der Teamfahrer nur mit einem „R“ in der Starterliste steht; aber selbstverständlich hofft jeder, dass genügend Teilnehmer auf den Start verzichten und man nachrücken kann. War aber nicht so. Shit happens.

Also hatten wir Zwangsurlaub, den wir dann auch in vollen Zügen genossen. Gary musste zwar früher abreisen, aber der Rest der Mannschaft genoss die Sonne, die Manx Kippers und das Guinness. Am Dienstag reisten dann Axels Frauen an, wobei insbesondere Emilia, mit 10 Monaten jüngstes Teammitglied der Equipe37, für gute Laune sorgte. Außerdem hat sich die ganze Equipe mehrfach mit Dagmar und Christian, zwei deutschen Exilanten auf der Insel, getroffen und ist vorzüglich bekocht worden bzw. hat selbst gekocht. Christian fährt übrigens BMW, ist aber „trotzdem“ ganz nettJ

Ungeachtet dessen, dass wir bei der TT nur Zuschauer waren, war Axel trotzdem noch in einen Rennunfall verwickelt. Und das kam so:

Der Onchan Raceway Club veranstaltet jedes Jahr in der Rennwoche ein Pocketbike-Rennen mit Gespannen, an dem zur Freude der teilnehmenden Nachwuchs-Racer ein TT-Sidecarpilot mitmacht. Der hatte allerdings in der Trainingswoche einen heftigen Abflug und fiel deshalb aus. Deshalb wurde Axel angefragt. Der sagte natürlich sofort zu und durfte auch mal trainieren. Auch Nail erklärte sich bereit, so dass die Equipe mit zwei Sidecars auf dem Onchan Raceway, einem ultrakurzen Stockcar-Oval, vertreten war. Die Regel besagt, dass zwei Läufe gefahren werden, und zwar in entgegengesetzter Richtung. Das macht die Sache kompliziert, da man zwar einmal links und einmal rechts herum fährt, aber beide Male mit einem Linksläufer. Es kam, wie es kommen musste: Da Axel nur die eine Fahrtrichtung trainieren konnte, kippte er in der Aufwärmrunde zum ersten Rennen (andere Fahrtrichtung) um und brach sich – wie sich im Nachhinein herausstellen sollte – das linke Schlüsselbein. Als Endurance-Racer fuhr er das Rennen natürlich trotzdem mit, in dem beide Equipiers aufgrund völliger Überladung der Bikes die letzten Plätze belegten und dabei auch das eine oder andere Mal überrundet wurden. Danach brachte ihn die Ambulanz aber sicherheitshalber ins Krankenhaus zum Röntgen, wo sich der Verdacht leider bestätigte. Axel war zutiefst frustriert, weil es sich nicht um einen klassischen Rennunfall handelte, mit dem man auf Sponsorensuche gehen kann. Tati wiederum hat die Theorie aufgestellt, dass Axel sich immer dann verletzt, wenn sie dabei ist. Nach einer längeren Wartezeit in der Notfallambulanz ging es zurück in unsere Unterkunft.

Allen Widrigkeiten zum Trotz hatte die Equipe37 aber noch einen schönen Aufenthalt mit den traditionellen Touristenaktivitäten (Manx Electric Railway; Snaefell Mountain Railway), aber auch einigen Neuentdeckungen wie z. B. dem Grove Museum in Ramsey, das uneingeschränkt empfohlen werden kann, wobei Smoke allen Fans der Equipe natürlich besonders das dortige Café ans Herz legen möchte! Auch die Red Arrows standen wieder auf dem Programm, einige Besuche im Liverpool Arms sowie Fish und Chips bei Rosie im Sulby Glen Hotel. Rosie hat Nail und Smoke auch Asyl in der letzten Nacht gewährt, so dass die beiden am Sonntag nach der Rennwoche ausgeruht bei Sonnenaufgang zur Fähre nach Douglas fahren und von dort gen Heimat in See stechen konnten.

Obwohl Axel diesmal keine Finisher’s medals einfahren konnte, war es letztlich doch wieder eine fantastische Sache, auf der Isle of Man zu sein; für die meisten ein Déjà-vu - für Nail dagegen der erste Trip in die Irische See und prompt hat er Feuer gefangen.

 

Smoke’s Sicht der Dinge

Nach einer längeren Pause fährt mein Bruder endlich wieder die Tourist Trophy. Wenn er auch selbst die Isle of Man mag, so hat er doch, glaube ich, keine Vorstellung davon, wie viel es mir bedeutet, endlich wieder dorthin zu reisen. Ich bin Chauffeur des Team-Transit und je näher ich komme, desto glücklicher werde ich! Und dann werden ja auch noch Nail aus Deutschland und Dazler aus Nordirland dabei sein sowie Tati mit unserem Rennfahrer(innen)nachwuchs Emilia.

Eine dufte Tuppe, mit der man seine knapp bemessene Freizeit gerne verbringt! Auch wenn alles sehr kurzfristig geplant werden musste, hat Axel noch zwei perfekte Unterkünfte besorgt; die letzte Nacht verbringen Nail und ich bei Rosie im Sulby Glen Hotel, also an dem Ort, an dem meine Liebe zur Isle of Man begann! Für Axel wird es das letzte Kapitel seiner TT-Biografie sein; diese Vorstellung stimmt melancholisch, aber die Melancholie wird verfliegen und die schönen Erinnerungen bleiben.

 

 

 

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